Neue Zeiten - neue Liebe?

Ja, unbedingt! Die Liebe muss neu werden! Anders. Ganz anders!

So empfindet Carla, als sie ihre ersten Erfahrungen im Internet-Dating macht. Sie trägt ein sehr hohes Ideal der Liebe in sich, und nun erlebt sie so viele Liebessucher, die eigentlich etwas haben wollen. Die Bedingungen stellen.

„Das macht die Liebe klein!“, empört sich Carla. „Liebe ist kein Handel! Liebe ist…“

Ja, was?

Liebe ist Liebe.

Sie ist nicht groß, sie ist nicht klein. Und es gibt keinen Moment, in dem sie nicht da ist, und keinen Ort, an dem sie nicht wohnt.

„Ach ja? Dann gibt es keine Lieblosigkeit? Keine Liebe, für die erst etwas erfüllt werden muss, damit sie gegeben wird? Es gibt keine…“

Stopp, Carla!

Die Liebe ist die Liebe.

Wir aber, wir haben unzählige Möglichkeiten, sie sichtbar und fühlbar zu machen und sie miteinander zu erleben.

Deshalb ist Liebe immer wieder neu und anders. Jeder, der schon einmal sein Herz verschenkt hat – und das tun wir alle, zuerst schenken wir es unseren Eltern – weiß, wie verschieden sich das jeweils anfühlen kann. Das Liebesgefühl kann sehr unterschiedlich sein. Nicht aber die Liebe. Durch jede Beziehung, durch jede liebevolle Regung werden andere Seiten von ihr, unserer inneren Harfe, gezupft und zum Klingen gebracht.

Wer schon einmal mit einem vollkommen offenen Herz in die Welt schauen durfte, der weiß, dass Liebe kein Gefühl ist, sondern weit mehr. Das Herz, unser innerster Wesenskern, umarmt, was es sieht. Hüllt es ein in Verstehen. In Güte. In Barmherzigkeit. In Liebe.

Es ist ein anderer Teil von uns, nicht das Herz, der in Dinge und Geschehen unterschiedliche Bedeutungen hineinsieht. Auch in der Verliebtheit ist es jener andere Teil, der dem Objekt der Verliebtheit jene Bedeutung gibt, die in uns dann Liebesgefühle weckt.

Seit ich angefangen habe, mich selbst zu lieben, lerne ich die Liebe des Herzens mehr und mehr kennen. Weiß besser und besser, dass ich Liebe nicht bekommen kann. Ich kann sie auch nicht geben. Aber ich kann sie durch Liebestaten und Liebesgesten sichtbar und fühlbar werden lassen. Liebe IST. Wenn ich mein Herz öffne, kann ich sie spüren, erleben, erfahren. Wenn ich sie teile, wird sie mehr und noch mehr fühlbar und sichtbar. Nur eins kann ich nicht: sie haben. Wie soll das gehen?

Die Liebe ist schon mein!

Für mich ist es wie beim Atmen. Ich atme immerzu und ohne, dass es mir überhaupt auffällt. Aber ich kann auch so atmen, dass ich die Luft schmecke. Ich meine damit neben dem Geruch auch die Schwere oder Leichtigkeit, die Feuchte oder Trockenheit, die Bewegung oder Stille, die Wärme oder Kälte, all diese Eigenschaften der Luft Atemzug für Atemzug wahrzunehmen. In jede meiner Zellen aufzunehmen. Sie begreifen und spüren lassen, dass sie viel mehr als Sauerstoff tanken. Auch all das, was jenseits der Wahrnehmungsmöglichkeit meiner Sinne ist. Eins davon ist das Staunen, das wahrnimmt, welch ein Wunder es ist, dass Luft überhaupt IST!

Wenn ich ihrer auf diese Weise gewahr werde, ist die Luft plötzlich „da“. So, genauso, das glaube ich zutiefst, ist es auch mit der Liebe.

Ich glaube, dass viele von uns, die sich auf den Weg gemacht haben zu sich selbst, in ihr Herz, zu Gott – wie immer wir es jeweils nennen – eine große Intention haben: Die Liebe zu schmecken.

Das ist das Besondere an diesen jetzigen neuen Zeiten. Wer wie ich die Hippiezeit miterlebt hat, weiß sehr gut, wie sich ein solcher Neubeginn anfühlt und wie er den Einzelnen und das Gesamtgeschehen aufwühlt. Wir haben damals viel von der Liebe gesprochen. Wollten sie befreien – was ja zu allen Zeiten kein schlechtes Vorhaben ist. Manche Neubeginne sind wie schäumende Wogen und müssen erst mal über alles hinweg walzen, was sie erneuern wollen. Der Spruch „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ mag als ein Beispiel dienen. Doch jeder Neubeginn, der geboren wird, ist schon schwanger mit dem nächsten.

Jetzt wächst das Kind jener Epoche heran. Ist alt genug, sich selbst als neue Zeit zu sehen. Ist weder laut noch extrovertiert. Es schaut nach innen. Es muss wie seine Vorgänger viel Altes hinter sich lassen. Es tut dies jedoch eher, indem es das Neue ansteuert, anstatt das Alte zu bekämpfen. Es muss sich ja auch nicht mehr so sehr wehren, der Weg ist ein wenig geglättet.

Ich habe meinen Fokus absichtlich auf eine bestimmte Facette der „neuen Zeit“ gestellt. Ich schaue dahin, wo ich teilen kann, indem ich meins mit dazugebe. Denn manches wird vom Teilen mehr und immer mehr. So wie Wissen, wie Zuversicht, wie Hoffnung, wie Verbundenheit. Sie alle sind Kinder der Liebe.

Die Kinder der Angst wie Eifersucht, Habenwollen, Neid könnten nun eigentlich gerne in Rente gehen, oder? Nur brauchen sie dazu ein Heim, wo sie sich wohlfühlen und zur Ruhe kommen können. Das gibt es schon. Es heißt Herz. Wenn ich meine Eifersucht, mein Habenwollen, meinen Neid anschaue, statt mich abzuwenden wie von ungeliebten Kindern, wenn ich verstehe, wodurch sie überhaupt in mir entstanden sind, geht die Herztür auf. Der Türöffner ist das Mitgefühl. Es sind immer Dinge gewesen, die mir Angst oder Schmerz oder beides gemacht haben, durch die sie entstanden sind. Ich habe gelitten und ich war allein damit. Heute bin ich nicht mehr allein, denn ich bin erwachsen. Mir ist die Fähigkeit erwachsen, mich selbst mit meinem Mitgefühl zu umarmen, mich und jedes dieser Gefühle, die schmerzhaft sind. Mitgefühl bedeutet, zu wagen, sie zu fühlen. Fühlen statt wegschicken. Dann können sie sich wandeln und nach und nach umziehen in ihr neues Heim.

Dies ist für mich Selbstliebe, mit der alle Liebesfähigkeit beginnt.

Das lernt man nicht in der Schule. Ich hatte das Glück, wunderbare Lehrer zu treffen, und manch kostbares Buch ist mir in die Hände gekommen. All das hat mich reich gemacht, und ich werde immer noch reicher. Gar nicht, weil ich das will, sondern weil ich so gern teile. Besonders liebe ich es, schreibend zu teilen. Den Weg eines anderen in einer Geschichte oder einem Roman mitgehen zu dürfen, heißt für mich, die zahllosen Edelsteine und Diamanten, die trotz der Verirrungen, die dieser Weg haben mag, immerzu am Wegesrand aufblitzen, mit ihm zusammen finden zu dürfen. Jedenfalls, wenn er sich bückt und sie aufhebt. Dann werde ich mit ihm beschenkt. Das geht mir beim Lesen so, das geht mir beim Schreiben so.

Meine Protagonistin hat sich gebückt, wieder und wieder. Sie ist jene Carla von oben und lebt in meinem neuen Roman „Mein ist die Liebe“. Carla trägt eine unbändige Sehnsucht nach der Liebe des Herzens in sich. Sie hat sie erlebt, wenn auch nur für Augenblicke, und sie will nicht mehr davon lassen. So ist sie schon von vornherein verzweifelt, als sie auf jener Dating-Plattform als erstes mitbekommt, dass man dort aufgefordert wird, zahllose Bedingungen zu stellen. Der Liebe! Ihr, die man selbst doch gern als bedingungslos empfangen möchte!

Ihre Empörung und ihr Schmerz hierüber treiben Carla an, einen Roman zu schreiben, in dem sie zeigt, dass die Liebe des Herzens in einer Atmosphäre voller Forderungen, voller Absolutheits-ansprüche und dahinter verborgener, nicht angenommener Ängste nicht gedeihen kann. Sie macht sich auf den Weg in eine funkelnde Reihe von Abenteuern. Bekommt die Story, die sie sucht. Denkt schon, sie könne beweisen, wie es eben nicht geht, wie man nämlich der Liebe des Herzens alle Türen und Fenster vor der Nase zuschlägt.

Und dann beweist die Liebe ihr etwas…

Eine Leserin sagte zu meinem Roman: Endlich eine Romanfigur, die denkt, wie ich denke, eine Autorin, die schreibt, wie ich schreiben würde. Sie hat eine sehr schöne und innige Zeit mit dem Lesen verbracht – nur leider kurz, denn nach einer Nacht war sie durch. Ich wünsche dem Buch und den Lesern, denen es wohltut, dass sie einander finden mögen. Mit diesem Segen schicke ich es nun in sein eigenes Leben.

© 2018  Christa Eckert