Leidenschaftliches Plädoyer für Nicht-Leidenschaft

Internet-Dating: Zwischen zwei Menschen, nennen wir sie Er und Sie, ist Sympathie erwacht. In endlosen Telefonaten - sie wohnen weit auseinander - vertieft sich die Sympathie sehr, zumindest bei ihr. Also kommt es zu der Frage: Wie es leben bei 250 km Distanz? Und mitten hinein in all das Knistern und Vertrauenfassen und Vorwärtsstürmenwollen sagt er: Eine Wochenendbeziehung kommt für mich nicht in Frage, und etwas anders geht ja nicht. Aber hier und da Telefonieren ist doch auch schön.
Sie nimmt das stumm entgegen. Nicht jedoch stumpf. Sie fühlt es wie einen Peitschenschlag. Es folgt ein kurzer Diskurs: Er hartnäckig. Sie ungläubig empört.

Dann, nach wacher Nacht aufgewühlt und immer noch tief empört, greift sie zum Laptop, und ihre Finger rasen über die Tasten. Sie schreibt ihm eine Mail, die Folgen haben wird:

Betreff: Es könnte ja passieren, dass die Liebe anklopft...

Lieber,
ich bin gestern traurig eingeschlafen und heute Morgen zornig aufgewacht. Ich bin durch diese Ge-fühle hindurchgegangen, habe sie hinter mir gelassen, mich hingesetzt und meinem abebbenden Herzklopfen gelauscht – und schenke dem, was nun in mir zu hören ist, meine beiden Hände und schreibe einfach, was kommt:

Was möchtest du? Eine Frau mit lebendigem, sprühendem Geist, die dir die Wärme, die Großmut, die Reife ihres Herzens schenkt und eine wunderschöne Erotik mit dir teilt? Eine Frau, die dir gefällt, außen und innen, die vor dir steht und dich lächelnd einlädt in die Liebe?

Bevor du Ja sagst, Ja, dies ist es, wovon ich träume, wonach ich mich sehne, sei dir klar, dass dich nicht diese Frau einlädt - sondern die LIEBE.

Und fühlst du dein Herz in einem Nachtigallenjubel aufbrechen, sei dir noch mehr klar, WER dich eingeladen hat!

Sei dir klar, dass diese Frau dir die Liebe nicht schenken, aber mit dir teilen kann.

Denn die Liebe ist da, ob ihr sie einladet oder nicht.

Die Liebe ist dein Atem, dein Werden und Vergehen - ob du ihr das gestatten möchtest oder lieber deiner Angst huldigst und IHR deine Opfer darbringst.

Die Liebe zieht ihren Kopf nicht ein, sie wird nicht bleich, wenn du sie geringschätzt. Sie wird höchstens traurig, wenn sie all deine Vorkehrungen gegen sie beobachtet. Wenn du ihr unterstellst, dass sie an zu vielen Kilometern Distanz zwischen euch Liebenden zugrunde gehen würde. Wenn du ihr vorschreibst, sie müsste nicht nur deine Sehnsucht nach Wärme, nach Nähe, nach Tiefe erfüllen - und das tut sie ohne Frage weit mehr, als du es dir jemals vorstellen kannst - sondern sie müsste sich darüber hinaus in dein Leben einfügen und deinen Vorstellungen und Wünschen unterordnen.

Sie wird keinen Schmerz darüber empfinden, den Schmerz trägst allein du, ob du ihn spüren willst oder nicht. Wenn du Glück hast, wird sie dir die Zinken ihrer Harke mitten durchs Gesicht ziehen. Nicht, um dich zu verstümmeln, sondern weil du anders nicht spüren wirst, dass die Mittelmäßigkeit, nach der du verlangst, dein Tod ist und dass du gestorben in einem noch lebenden Körper wirst wandeln müssen. Die Liebe ver­letzt dich lieber, als dass sie nur zusieht, wenn du dir DAS antust.

Folgst du ihr jedoch, lässt dich von ihr erschüttern und in tausend Fetzen reißen, bis du als funkelnder Diamant wieder auferstehst, wirst du überhaupt erst begreifen, WAS alles hier und jetzt und sofort für dich da ist: in jedem Ein und Aus deines Atems, in jeder deiner Zellen: Welches Glück. Wie unendlich groß dein Herz sein kann. So hell, so groß, dass es die ganze Welt mühelos umfängt.

Und glaubst du nicht auch, dass es dies ist, was die Welt braucht, um sich zu vollenden? Und dass es nicht darum geht, wie viele Herzen ihr beistehen, sondern darum, dass (d)eins aufsteht und es tut?

Wenn also eine Frau vor dich hintritt, dich anlächelt und dir mit beiden Händen ihr Herz entgegenhält, dann wisse sehr genau, wer und was dir da begegnet. Wenn du ein Zögern spürst, dich der Liebe hinzu­geben, wenn du anfängst, ihr deine Bedin­gun­gen und Grenzen in den Weg zu stellen, dann sei dir gewiss, die Frau wird es nicht lange ertragen. Die Liebe jedoch, diese Liebe, die dich mit Nachtigallenjubel anfüllt, wird es dir immer und immer wieder verzeihen. Denn wer sollte es besser wissen als sie:

Das Einzige, was sie hindert, sich dir durch und durch zu schenken, ist deine Angst vor ihr.

Von Herzen,

Sie

Er antwortete dies:

Liebe,

wir „spielen“ immer mit uns selbst, Bewusstsein „spielt“ immer mit sich selbst. In diesem Zusammenhang folgende Bemerkungen:

1. Zurzeit projizierst Du Deinen inneren Konflikt auf mich. Da Du negative Gefühle erfährst, suche bei Dir nach den Überzeugungen/ Erwartungen, die diese ausgelöst haben. Verändere Deine Sichtweise und Du wirst andere Gefühle erfahren.

2. Ich bin Dir sehr dankbar für unseren Gedanken- und Erfahrungsaustausch. Ich besitze nunmehr Klarheit bezogen auf die möglichen Optionen einer Beziehung mit Dir sowie der damit verbundenen Erfahrungen.

3. Ich verspüre keine negativen Gefühle in mir: es ist eine Art Ruhe nach dem Sturm und Dankbarkeit für die intensive Erfahrung.

Die Zeit wird zeigen, ob und in welcher Form wir unsere Begegnung fortführen.

In Dankbarkeit und Wertschätzung,

Er

Er und Sie haben die Beziehung nicht fortgeführt. Zwei Jahre später jedoch rief er sie an, und sie hörte in seiner Stimme etwas Neues, etwas, das wärmte. Er sagte: Weißt du noch, diese leidenschaftliche Mail, die du mir damals geschrieben hast? Du hast gebrannt! Du hast gelodert! Jetzt habe ich begriffen, WAS du mir damals geschrieben hast! Ich habe all die Zeit wohl noch gebraucht. Ja, sie hat mir die Zinken ihrer Harke durchs Gesicht gezogen. Jetzt ist es passiert! Alles ist anders. Ein ganz anderes Sein! Und das warst du. Du bist meine Herzöffnerin!

Nicht ich, sagte sie. Versteh bitte: Nicht ich habe dir damals geschrieben.

Nein, nicht ich. Es war genauso auch eine Mail an mich selbst. Denn Sie, das bin ich. Ich war damals mitten in der Arbeit an einem Buch. Es sollte „Die Liebe in den Zeiten des Internets“ heißen, es sollte ein Roman werden über die Vergeblichkeit der Suche nach Liebe im Internet Dating und anderswo, wenn diese Suche von romantischen Vorstellungen und vor allem vom Habenwollen ge-lenkt ist. Ich fürchte, ich hatte  ein bisschen das belehrende Motto: Leute, ihr müsst es anders machen, so geht das nicht, aber ich sage euch, wie es geht. - Manchmal muss man sich selbst erst auf die Schliche kommen…

Von jener Mail an ist auch mit mir etwas passiert. Beim Schreiben ist es geschehen. Unbemerkt hat es sich selbst zwischen die Worte geschrieben, bis ich es nicht mehr übersehen konnte. Ja, es ist schwer, aus der Romantik und aus dem Habenwollen heraus und hinein in die Tiefe des Herzens zu finden. Und: Nein - weder die Romantik noch das Habenwollen müssen verdammt oder gar ausgemerzt werden.

Die Geschichte meines Buches, die damals schon stand, hat sich nicht wesentlich geändert. Aber das zwischen den Worten, dieses Lautlose und doch Unüberhörbare, das ist nach und nach bei den Überarbeitungen hinein geflossen. Manchmal war der Empfang gut, manchmal nicht so gut. Dann habe ich es am nächsten Tag erneut versucht.

Mir ist viel geschenkt worden. Sie hat sich mir geschenkt - obwohl sie das schon tut, seit ich atme. Sie hat mir mit Hilfe meiner Romanheldin Carla gezeigt, wie es durch meine eigenen Gedanken geschieht, dass ich mich von ihr entferne und wie es geht, ihr wieder nah zu sein. Und all das mitten in den kühnen Herausforderungen und Wirrnissen und in der Aufregung und Leidenschaft einer Internet-Partnersuche. Was sie mir geschenkt hat, ist groß und weit wie ein weiß schimmernder Ozean und sehr, sehr hell. Und obwohl es mächtiger ist als der gewaltigste Wirbelsturm - so ist es doch völlig ohne Leidenschaft.

Damit es einen Namen bekommt, damit er ausgesprochen und immer wieder ausgesprochen wird, heißt mein Buch nun: Mein ist die Liebe.

© 2018  Christa Eckert